Mulitmediastory, NDR, 2015
Autor und Realisation: Felix Meschede

Er hatte oft Todesangst, aber auch immer wieder unwahrscheinliches Glück: Fünf Monate lang war der 31-jährige Rami aus Syrien im Frühjahr 2015 unterwegs, um nach Deutschland zu fliehen. Mehr als 4.000 Kilometer legte er zurück, passierte acht Grenzen.

Bevor das Thema Flüchtlinge im Herbst des selben Jahres alle Medien bestimmen sollte, war die Berichterstattung  Anfang des Jahres noch sehr vage. Einige Medien hatten schon über die unterschiedlichen Routen der Schlepper berichtet, doch Bilder und persönliche Schilderungen der Geflüchteten waren die Ausnahme.

So entstand die Idee, Ramis Geschichte in einer mehrteiligen Fernsehserie im Magazin Panorama3 zu erzählen. Parallel dazu entwickelte ich im Auftrag der Webvideo Unit eine Umsetzung für WhatsApp.

Über WhatsApp konnte die Fluchtgeschichte „Wir sehen uns in Deutschland!“ aus Ramis Perspektive erlebt werden. Wer sich mit seiner Telefonnummer anmeldete erhielt drei Wochen lang Nachrichten mit Fotos und Videos, die Rami auf seiner Flucht aufgenommen hat.

Insgesamt 1.900 Nutzer haben sich für das Angebot angemeldet. „Erstmals wird nicht über Flüchtlinge berichtet, sondern von Flüchtlingen“, schrieb ein Nutzer zu Beginn des Projekts. Bis zu drei Nachrichten wurden pro Tag versendet, die Ramis Geschichte und seine Flucht quer durch Europa in allen Details nacherzählte.

Viele Leser haben die Chatfunktion genutzt, um Rami Fragen zu seiner Flucht zu stellen. Viele Nutzer wollten zum Beispiel wissen, wie die Umstände in der Türkei und Griechenland sind und warum viele Flüchtlinge von dort weiterziehen. Auch die Tatsache, dass Beamte der deutschen Bundespolizei an griechischen Flughäfen kontrollieren, verwunderte viele Leser.

Neue Erzählform

Entstanden ist die Idee, Ramis Flucht per WhatsApp zu erzählen, unter anderem weil die Reporter Nino Seidel und Alena Jabarine monatelang immer wieder per WhatsApp mit Rami kommuniziert haben. Manchmal war es tagelang die einzige Verbindung zu ihm, wenn er zum Beispiel zu Fuß auf einer gefährlichen Route war. Oft wussten sie nicht, wann und von wo er sich das nächste Mal meldet – und was in der Zwischenzeit passiert ist. Immer wieder hat Rami Fotos und Videos seiner Flucht geschickt – Bilder, die man so selten sieht und die die Möglichkeit boten, die Flüchtlingsproblematik aus einer neuen Perspektive zu betrachten.

Das persönliche Bild- und Foto-Material bildete dann auch die Grundlage für die auf drei Wochen verdichtete Erzählung. Wir wollten dem User die Geschichte so erzählen, wie wir sie in der Redaktion auch größtenteils erfahren haben. Die direkte Ansprache durch die erste Person ist die Perspektive, die den Nutzern auf WhatsApp vertraut ist. Das positive Feedback auf drei Wochen Flucht aus Ramis Sicht hat alle gefreut – vor allem auch Rami selbst.

http://www.ndr.de/fluchtprotokoll100.html