Grenzerfahrung am Checkpoint Jenin

Während einer Recherchereise in den besetzten Palästinensergebieten entstand diese Reportage.

Es gibt immer Bilder, die man nicht fotografiert hat. Man kommt zurück von einer Reise und das Foto ist einfach nicht dabei. Vielleicht wollte man es die ganze Zeit machen, hat es immer aufgeschoben. Vielleicht hat es sich nie ergeben, vielleicht war das Licht einfach nicht gut, der Akku alle oder das richtige Objektiv noch im Hotel. Vielleicht war es aber auch einfach verboten, dieses Foto zu schießen.

Von den vielen Bildern, die ich bei meiner Reise durch die Westbank gesehen habe, und die ich nicht fotografiert habe, ist mir eines ganz besonders in Erinnerung geblieben. Nicht nur in meinem Kopf, sondern in den Knochen, weil es so menschenverachtend war, dass es jeden fühlenden Menschen zutiefst erschüttert. Und das dürfte auch einer der Gründe sein, warum das israelische Militär das Fotografieren an Checkpoints verboten hat.

Von diesem Bild will ich hier berichten. Es war auf der Rückreise von Jenin nach Haifa, also von der Westbank zurück nach Israel. Israelische Staatsbürger passieren diesen Checkpoint im Auto. Alle anderen müssen raus aus den Fahrzeugen. Eine Stunde warten wir vor dem stacheldrahtbesetzten Eingangstor. Mit uns warten Palästinenser auf dem Weg nach Israel, abends kommen sie zurück. Sie dürfen nicht länger bleiben. Ohne Genehmigung verlässt keiner die besetzten Gebiete. Wer auf israelischer Seite arbeitet oder Familie besucht, der benötigt eine Sondergenehmigung. Soldaten sind keine zu sehen, die Angst vor Anschlägen ist hoch. Erst vor wenigen Tagen ist an einem anderen Checkpoint ein Palästinenser erschossen worden – eine Messerattacke heißt es.

15 Minuten Zeitfenster

Dann öffnet sich das Tor und einige Menschen kommen aus einem Gebäude, passieren den umzäunten Gang, durch eine Schleuse, dann noch ein Gang und schließlich ein weiteres Drehtor. Kurz darauf erklingt ein Ton und die Menschen, die mit uns im Schatten auf hölzernen Bänken gewartet haben deuten uns, dass wir jetzt passieren können. Nur 15 Minuten ist der Eingang  geöffnet. Viel Zeit bleibt also nicht.

Hinein. Und erst dann wird klar, was dieser Checkpoint eigentlich ist. Nach wenigen Metern steigt ein starkes Gefühl der Beklemmung in mir und meinen Mitreisenden auf. Das eiserne Tor hinter mir schließt sich. Vor mir öffnet sich der nächste Eingang. Eine Stimme aus einem Lautsprecher nimmt Kontakt zu uns auf und befiehlt uns, nicht anzuhalten. Erst jetzt entdecke ich die vielen Kameras, die zwischen der Absperrung auf uns gerichtet sind. Einige aus der Gruppe haben Probleme ihr Gepäck durch das Drehtor zu tragen, doch anhalten oder gar umdrehen und den Freunden helfen ist ausgeschlossen. Der Weg zurück ist bereits versperrt.

Dann gelangen wir in das Gebäude.

Es ist eine Halle, die Außenwände aus Plane. Massive Betonbarrieren versperren Wege. Zäune und Kameras lassen nicht verkennen, dass es sich um eine Überwachungsanlage handelt. Noch immer habe ich keinen Soldaten gesehen. Die Lautsprecherstimme schreit ungeduldig auf uns herab. Jemand soll durch eine Tür gehen. Uns ist nicht klar, wer aus unserer Gruppe gemeint ist. Wer soll nun wo lang? Wer soll warten? Die 10-köpfige Gruppe ist zu diesem Zeitpunkt bereits von einander getrennt. Ich habe den Überblick verloren, wer vor und wer nach mir gekommen ist. Ich bin angespannt und merke, dass ich mich sehr unwohl zu fühlen beginne. Wir legen unser Gepäck auf ein Band, wie am Flughafen, durchlaufen einen Scanner. Solange, bis das Licht grün leuchtet. Wo sind meine Eltern? Sie waren noch eben bei mir? Wenn ich die Kommandos aus dem Lautsprecher schon nur schwer verstehe, wird mein Vater sie verstehen? Eine neue Tür öffnet sich, es wird mir unmissverständlich klar gemacht, ich solle hineingehen. Hinter mir schließt die Tür. Jetzt bin ich allein.

Der Raum ist vielleicht neun Quadratmeter groß. Die Wände sind hochgezogen. Keine Fenster. Gegenüber eine weitere Tür. Ich frage mich, warum ich jetzt hier bin. Sollte ich einfach isoliert werden? Es ist niemand da, den ich fragen könnte. Dann sehe ich einen Schatten auf dem Boden. Es ist nicht meiner, ich blicke nach oben. Die Räume sind nach oben geöffnet und werden durch metallene Brücken verbunden. Der Schatten kommt von einem Soldaten, sein Maschinengewehr zeigt direkt auf mich runter. Ich begreife, dass ich und die anderen uns wie in einem Labyrinth bewegen, über uns die bewaffneten Soldaten, die sich auf den Stegen ungehindert bewegen können. Hinter mir öffnet sich jetzt die Tür.

Zwei aus meiner Gruppe betreten das Zimmer. Ihnen geht es nicht besser als mir. Es ist ein zutiefst beklemmendes Gefühl, das sich in mir ausgebreitet hat. Wir haben auf unserer Reise durch die Westbank in der letzten Woche sehr viel Ungerechtigkeit gesehen, sie wurde uns erzählt. Menschen, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, Kinder, die auf dem Weg zur Schule mit Steinen beworfen werden, Landwirte, deren Bäume vergiftet werden und nächtliche Verhaftungen. Schusswechsel. Wassermangel. Landraub und Siedlungsbau, die Liste ist lang. Wir haben es gesehen, gehört. Wir haben es mit Sicherheit auch gefühlt, aber wir haben die Ohnmacht der Menschen nie selbst erfahren. Jetzt ist sie plötzlich da und sie schnürt mir die Kehle zu.

Der Schattenmann folgt uns

Erneut wechseln wir den Raum, begleitet von dem Schattenmann über uns. Ein blickdichter Vorhang hinter einer kleinen Scheibe lässt vermuten, dass wir jetzt das erste Mal mit jemandem in Kontakt treten. Ich habe vor einer Stunde den Akku aus meiner Kamera genommen und ihn einem anderen Reisemitglied gegeben. Ich wollte verhindern, dass meine Fotos kontrolliert werden, vielleicht sogar gelöscht.

Bei der Einreise am Flughafen mussten einige aus unserer Gruppe längere unangenehme Befragungen aushalten. In diesen Befragungen durchsuchten Sicherheitsleute auch die Handys. Gaben Suchbegriffe ein wie zum Beispiel Iran, durchsuchten das Telefonbuch nach bestimmten Vorwahlen aus arabischen Ländern. Ich hatte sogar davon gehört, dass bei solchen Kontrollen der Facebook-Account auf deinem Handy durchsucht werden könnte. Wir wurden damals getrennt voneinander zu den Absichten unserer Reise befragt. Was waren unsere Absichten? Wir wollten reisen und das Land kennen lernen. Welches Land? Palästina. Das militärisch besetzte Land der Palästinenser, das von der überwiegenden Mehrheit der Weltgemeinschaft als souveräner Staat anerkannt wird. Israel hat damit ein gewaltiges Problem. Das alles kostete uns damals mehrere Stunden Aufenthalt am Flughafen.

Peace

Der Vorhang öffnet sich und mein Blick fällt zuerst auf die goldene Kette der jungen Frau hinter der dicken Glasscheibe. „Peace“ steht auf ihrem Amulett. „Papiere“, fordert sie mich auf, ohne mich dabei zu beachten. Sie ist deutlich jünger als ich, strahlt jedoch eine autoritäre Überlegenheit aus, die die Botschaft ihres Halsschmucks schnell vergessen lässt. Was ich in den besetzten Gebieten gemacht habe, will sie wissen, während sie meinen Reisepass durchblättert. Ich überlege. Was habe ich hier gemacht? Wir waren in mehreren UN-Flüchtlingscamps, in denen mittlerweile die dritte Generation vertriebener Palästinenser wohnt, die bei der Gründung des Staates Israel ihr Land verlassen mussten. Wir waren mit Menschen unterwegs, die uns die Auswirkungen der jüdischen Siedlungen in einer Stadt wie Hebron gezeigt hatten, in der bewaffnete jüdische Zivilisten auf den Straßen patrouillieren und die einstigen Marktstrassen der arabischen Kaufleute aussehen, wie die Kulissen aus einer ehemaligen Goldgräberstadt. Verlassen, leer, tot. Wir haben ehemalige Soldaten der israelischen Streitkräfte getroffen, die über die Willkür beim Militär kritisch berichten und deshalb von der israelischen Regierung als Verräter abgestempelt werden. Wir haben einen Landwirt getroffen, der seit Jahren trotz Anfeindungen und Bedrohung seine Obstbäume nicht aufgeben will und weiterhin sein Land bewirtschaftet, das mittlerweile umgeben ist von israelischen Siedlungen. Und wir haben nachts wach gelegen, wenn das israelische Militär in die Camps eingedrungen ist, die Menschen aus den Schlaf riss und auf steinewerfende Jungendliche mit Schüssen in die Knie antwortete. Und wir waren einen Tag am Toten Meer.

„Urlaub“, antworte ich. „Urlaub?“, fragt die Beamtin fassungslos und es klingt als könnte man in der Westbank gar nicht Urlaub machen. Ich wiederhole: „Urlaub.“ Sie schließt den Vorhang und verschwindet mit meinem Pass. Ich frage mich, was man sagen muss, damit einem das alles erspart bleibt. Nicht, dass ich sie anlügen will. Ich will nur, dass es vorbei geht. Ob man sich daran gewöhnt? Den vielen Palästinensern bleibt kaum etwas anderes übrig, wenn sie diesen Checkpoint regelmäßig passieren wollen. Der Vorhang öffnet sich und ich soll den Raum durch eine weitere Tür verlassen.

Falscher Ausgang

Der nächste Raum ist größer, mehrere Türen führen in ihn hinein. Ich vermute, das dahinter andere Befragungsräume sind. Die bewaffnete Soldaten patrouillieren noch immer auf den erhöhten Plattformen. Mehrere Schalter, wie bei einer Flughafenkontrolle, sind nebeneinander aufgereiht. Dann sehe ich meinen Vater, er steht am Ende des Raums. Ich laufe auf ihn zu, halte Ausschau nach meiner Mutter. Sie ist nicht da. Jemand aus unserer Gruppe kommt auf uns zu. Meine Mutter ist im Labyrinth falsch abgebogen. Sie ist eine Gruppe hinterhergelaufen, die auf dem Weg in die Westbank war. Ein Drehkreuz später war es bereits zu spät. Umkehren war unmöglich. Mein Vater schaut mich hilflos an. Ich bin genauso hilflos. Es gibt nichts, das wir jetzt tun könnten. Wir haben keinen Kontakt zu ihr. Wenn sie Glück hat, dann lassen die Sicherheitskräfte sie erneut passieren. Wenn sie Pech hat, dann kommt sie heute nicht mehr herein. Und wieder eine Kontrolle. Diesmal eine Dame in Uniform, die unsere Pässe sehen will. Sie ist gekleidet, wie man sich eine Grenzbeamtin vorstellt. Wer war dann die Frau, die vorher unsere Pässe haben wollte? Mein Vater sucht verzweifelt nach dem kleinen Papierschnipsel, der uns bei der Einreise ausgehändigt wurde. Er hat ihn verloren. Die Beamtin scannt unseren Pass, will wissen, ob wir verwandt sind. Ich sage, dass der Mann mein Vater ist. Sie zögert, gibt uns die Pässe zurück. Wir können gehen.

Um nicht den falschen Ausgang zu nehmen und versehentlich wieder in Palästina zu landen, frage ich den Soldaten über uns nach der richtigen Tür. Er deutet mit seiner Waffe auf den Ausgang. Kurz darauf haben wir es geschafft. 15 Minuten später ist die Gruppe vollständig. Meine Mutter kommt als letzte.

Jetzt könnte ich ein Foto machen. Aber ich bin wie geschockt. „Labyrinth der Schande“, höre ich eine Stimme in mir. Ich wiederhole es leise. „Labyrinth der Schande“.

Labyrinth der Schande

Was ist in den letzten 30 Minuten geschehen? Was ist passiert, dass ich so um Fassung ringe? Mir ist schlecht vor Wut. Nicht auf irgendjemanden – auf eine Regierung die Menschen so demütigt. Auf eine Welt, die das zulässt. Und auch ein bisschen auf mich, dem die Geschichten von körperlicher und psychischer Gewalt der letzten Tage erst durch die Erfahrung des Checkpoints plötzlich real erscheinen.

Und jetzt frage ich mich: Ist es richtig, dass Terroristen durch diese Checkpoints aufgehalten werden? Ja. Vermutlich wird ein Terrorist einen anderen Weg wählen, um den Menschen die Freiheit zu nehmen. Aber etwas anderes ist auch gewiss: Der Checkpoint selbst ist ein Anschlag auf die Freiheit. Er nimmt den Menschen die Menschlichkeit.

Jeden Tag. Ohne, dass jemand davon ein Foto machen könnte.