Polizeilich gesucht

Menschen mit Migrationshintergrund fehlten lange bei der Polizei. Damit soll nun Schluss sein. Zahlreiche Länder werben offensiv um Nachwuchs mit ausländischen Wurzeln. Doch die Deutschprüfung beim Einstellungstest schreckt viele junge Menschen ab.

Osman Ersoy steht frierend vor dem Hamburger Präsidium. Er hat die letzte Nacht bei der Polizei verbracht. Freiwillig. Und auf Einladung. Denn der 20-jährige Deutsche mit türkischem Vater hat sich als Auszubildender bei der Polizei beworben. Heute beginnt das Auswahlverfahren für 125 Nachwuchspolizisten in Hamburg.

Für Osman ist es der erste Besuch in der Hansestadt. Er lebt mit seiner Familie im nordrhein-westfälischem Münster. Sein Vater kommt aus einem kleinen Ort im Westen der Türkei und kam mit drei Jahren nach Deutschland. Osman ist Deutscher und spricht fließend Türkisch. Die Tatsache, dass er in beiden Kulturkreisen zu Hause ist, macht ihn als Auszubildenden so interessant. Sprachliche und kulturelle Kompetenzen gehören längst zum Werkzeugkoffer der Beamten, besonders in Großstädten wie Hamburg, wo fast ein Drittel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat. Doch auch andere Bundesländer fahnden nach Bewerbern mit interkulturellem Sachverstand.

Kurz nach halb acht. Die erste Prüfung ist das Lückendiktat – in deutscher Sprache. Muttersprachler haben hier Vorteile gegenüber Migranten. Für sie ist diese Prüfung heikel. Doch deutsche Sprachkenntnisse sind nun mal unerlässlich für einen Polizisten. Deshalb gibt es auch keine Unterschiede in der Bewertung. „Der hohe Standard des Einstellungstest ist für alle Bewerber gleichermaßen verbindlich“, sagt Björn Wichmann. Er betreut das Einstellungsverfahren bei der Hamburger Polizei. Wer zu viele Fehler im Diktat macht, für den ist Schluss.

Bundesweit lässt sich beobachten, dass Innenministerien an mehr Nachwuchs mit Migrationshintergrund interessiert sind, eine übergreifende Einigung besteht allerdings nicht. Polizeidienst ist schließlich Ländersache. Doch die Stimmen in der Gewerkschaft der Polizei und auf der Europäischen Polizeikonferenz werden lauter. Besonders die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen, mit hohem Migrationsanteil in der Bevölkerung, haben ihre Bemühungen in der Vergangenheit verstärkt. In Hamburg startete die Polizei eine groß angelegte Werbekampagne – mit Models, bei denen optisch auf einen Migrationshintergrund zu schließen war. Im laufenden Jahrgang hat etwa jeder fünfte Auszubildende einen Migrationshintergrund. „Wir unterstützen die Einstellung von Migranten im Polizeidienst“, so ein Sprecher des Innensenats. Doch eine konkrete Unterstützung der Bewerber gibt es nicht, denn nach dem Gleichstellungsgesetz müssen für alle Bewerber die gleichen Maßstäbe gelten. Auch in Berlin wird an dem Einstellungsverfahren nicht gerüttelt, am Deutsch-Test führt kein Weg vorbei.

Die Tätigkeit bei der Polizei sei eben ein Kommunikationsberuf, meint Norbert Reckers von der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster, „schließlich treffen die Beamten nicht nur auf verschiedene Nationalitäten, sondern kommunizieren auch mit den unterschiedlichsten Bürgern und Behörden.“ Für den gesamten Schriftverkehr wie Anzeigen, Berichte oder Meldungen seien fundierte Deutschkenntnisse unerlässlich. Nach seiner Einschätzung sei eine Herabsetzung der Standards beim deutschen Sprachtest im Auswahlverfahren kaum vorstellbar.

Doch es ist nicht nur der Deutsch-Test, der viele potentielle Bewerber mit Migrationshintergrund abschreckt. „In manchen Kulturkreisen ist der Polizeidienst weniger gut angesehen als bei uns“, sagt Wichmann. Deshalb gehen er und seine Kollegen aktiv auf junge Migranten über Vereine und Verbände zu und werben für den Ausbildungsberuf bei der Polizei. Weibliche Bewerber aus dem Orient haben erfahrungsgemäß die meisten Schwierigkeiten. „Das kann an der fehlenden Zustimmung der Eltern oder am versäumten Schwimmunterricht liegen“, vermutet auch Fourouzan Nikurazm. Er ist Integrationsbeauftragter der Gewerkschaft der Polizei in Hamburg. „Viele Eltern wollen nicht, dass ihre Töchter mit einem männlichen Kollegen gemeinsam Streife fahren.“

Kurze Prüfungspause in Hamburg. Osman ist unzufrieden mit seiner bisherigen Leistung. „Wie habt Ihr Maurerpolier geschrieben?“, fragt er in die Runde. „Einem „l“ und zusammen“, antwortet Tobias Ghyrek. Seine Familie kommt ursprünglich aus Polen und wohnt heute in Lübeck. Ob er sich der besonderen Qualität seiner Zweisprachigkeit bewusst ist? „Ja“, antwortet er. „Ich kann mit Polen besser reden als ein Deutscher. Ich verstehe nicht nur ihre Sprache, sondern auch, wie sie denken.“ Osman konzentriert sich bereits auf die nun anstehenden Prüfungen. Als nächstes muss er einen Bericht schreiben, bei dem Beobachtungsgabe und schriftliche Ausdrucksfähigkeit geprüft werden. Anschließend folgt ein Allgemeinwissenstest und schließlich die Sportprüfung. „Wenn ich es bis dahin schaffe, dann hab ich ein gutes Gefühl“, sagt Osman. Beim Sport haben alle Nationalitäten die gleichen Chancen.

Die deutsche Staatsbürgerschaft ist jedenfalls keine Voraussetzung für den Polizeidienst. Nur können sich das immer noch kaum Menschen vorstellen. „Regelmäßig klingelt bei uns das Telefon und Menschen wollen wissen, ob sie wirklich keinen deutschen Pass brauchen, um Polizist zu werden“, sagt Wichmann. Viele Anrufer seien darüber sehr überrascht.

Enttäuschung hingegen auf dem Flur. Osman hat soeben erfahren, dass es für ihn nicht gereicht hat. „Ein Fehler im Diktat war zu viel.“ Noch heute fährt er zurück nach Münster. Dort hat er sich auch bei der Polizei beworben. Hamburg ist nicht das einzige Bundesland, das sich für ihn interessiert.