„Eine Frage des Geldes“

Posted by felixmeschede on 12. Mai 2011 in PRINT

Nach dem Gau im Atomkraftwerk Fukushima ließ eine energiepolitische Reaktion in Japan lange auf sich warten. In der vergangenen Woche verkündete die japanische Regierung dann die Abschaltung der Reaktoren in Hamaoka. Viele westliche Medien sahen darin das Ende des Atomzeitalters in Japan. So weit will Hideichi Okada, japanischer Vizeminister für Internationale Angelegenheiten nicht gehen. Anna-Lena Krampe und Felix Meschede sprachen mit ihm über die energiepolitische Zukunft des Landes.

Herr Okada, bedeutet die Abschaltung des Kraftwerks in Hamaoka das Ende der Atomkraft in Japan?

Ich denke es ist noch zu früh, um konkrete Aussagen zu treffen. Ich bin nicht sicher, ob wir weiterhin auf die Atomkraft setzen sollten oder nicht. Im Moment sind wir dabei, strengere Sicherheitskonzepte für alle Kraftwerke vorzuschreiben. Das Kraftwerk in Hamaoka entspricht diesen Vorschriften nicht, vor allem was die Sicherheit vor Tsunamis angeht. Deshalb baten wir die Betreiber, die Reaktoren abzuschalten. Neben diesen neuen Sicherheitsmaßnahmen wollen uns gleichzeitig auf den Ausbau erneuerbarer Energien konzentrieren. Letztlich wird die Zeit zeigen, in welchem Ausmaß wir dann noch auf Atomenergie setzen können.

Alle 54 japanischen Atomkraftwerke liegen in der Küstenregion. Können Sie mit diesen neuen Regularien für die Sicherheit der anderen Anlagen garantieren?

Die Anlagen verfügen über Dämme in ausreichender Höhe zum Schutz vor Tsunamis, wie ich gehört habe. Aber in Hamaoka ist das Risiko für ein starkes Erdbeben mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 % ungleich höher als an anderen Orten.

Aber hat der GAU in Fukushima nicht gezeigt, dass immer ein unkontrollierbares Restrisiko bleibt?

Ja, ich würde sagen, dass es immer ein Risiko gibt. Die Regierung war der Meinung, dass wir für alle Eventualitäten gesichert seien. Aber wir haben in Fukushima auch den Hilfsgenerator verloren. TEPCO hat daraufhin versucht, mit speziellen Fahrzeugen in das Krisengebiet zu gelangen, was aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse gescheitert ist. Es handelte sich bei den Folgen von Fukushima also um eine Verkettung von mehreren Umständen, auf die wir vorbereitet sein sollten.

Würde ein Verzicht auf die Atomenergie ein kurzzeitiges Umrüsten auf fossile Energieträger mit sich bringen?

Wir werden in nächster Zeit mehr Flüssiggas importieren müssen, um den Energiebedarf zu decken. Aber um die Folgen für die Umwelt so gering wie möglich zu halten, werden wir unseren Ölkonsum nicht steigern.

Welches Potenzial haben erneuerbare Energien in Japan?

Sowohl Solarenergie als auch Geothermie und Windkraft haben Potenzial. Aber momentan liegt der Anteil erneuerbarer Energien lediglich bei fünf Prozent.

Japan ist eine hochentwickelte Industrienation. Warum ist der Anteil erneuerbarer Energien so gering im Vergleich zu europäischen Staaten?

Europa hat andere Voraussetzungen. Wir arbeiten derzeit an der Entwicklung neuer Windturbinen, aber aufgrund von Taifunen sind die Konstruktionskosten viel höher als im Vergleich zu Europa. Auch die Kosten für Solaranlagen sind noch sehr hoch, obwohl der Preis in den letzten fünf Jahren dramatisch gefallen ist. Wir hoffen in diese Technologien mehr zu investieren.

Die NEDO (New Energy and Industrial Technology Development Organisation) arbeitet gerade an einem Projekt vor der japanischen Küste, bei dem der Einsatz von schwimmenden Windturbinen getestet wird. Können Sie uns etwas über die Fortschritte sagen?

Wir sind immer noch in der Entwicklungsphase. Die Turbinen sind wegen der hohen Kosten noch nicht in Gebrauch.

Also ist es lediglich eine Frage des Geldes, die erneuerbaren Energien auszubauen?

Ja, ich denke schon.

Andererseits unterstützt die japanische Regierung TEPCO mit viel Geld.

Das Unternehmen wird über einen sehr langen Zeitraum für die Schadensersatzzahlungen aufkommen müssen. Aber TEPCO ist der einzige Energieversorger im Osten Japans. Deshalb darf das Unternehmen nicht bankrot gehen. Die Regierung muss sicherstellen, dass TEPCO weiterhin die Zahlungen mit ihren Kunden abwickeln kann, um die Entschädigungszahlungen aufzubringen. Wir einen Rettungsschirm installiert, der für die Zahlungen vorübergehend aufkommt. Langfristig muss TEPCO diesen Kredit zurückzahlen. Die Regierung nimmt TEPCO aber nicht die Verantwortung für das Unglück ab.

Japans Regierung und die Energieversorger arbeiten eng zusammen. Halten Sie diese Verbindung für problematisch?

Nein. Die japanische Politik hat die Energieunternehmen immer schon reglementiert. Die Zahl der Experten auf dem Gebiet der Nuklearphysik ist nunmal sehr gering. Sie besuchen die selben Hochschulen und machen gemeinsam ihren Abschluss. Einige arbeiten für die Regierung, andere werden von den Unternehmen angestellt. Aber nur weil sie sich persönlich kennen, heißt das noch nicht, dass es automatisch zu einem Interessenkonflikt kommt.

Gibt es Menschen, die erst für die Wirtschaft und später für die Regierung gearbeitet haben?

Nein, solche Fälle gibt es nicht.