„Das syrische Volk darf nicht in die Falle tappen”

Posted by felixmeschede on 12. Mai 2011 in PRINT

Ribal al-Assad ist der Cousin des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad und Gründer der Organisation für Demokratie und Freiheit in Syrien (ODFS). Seitdem sein Vater, Rifaat al-Assad, ehemaliger Verteidigungsminister und Vizepräsident des Landes, Syrien nach einem gescheiterten Putschversuch verlassen musste, lebt Ribal al-Assad in England. Im Interview kritisiert er das syrische Regime und warnt die Internationale Gemeinschaft vor einer militärischen Intervention gegen sein Heimatland.

Herr al-Assad, haben Sie noch Kontakt zu ihrer Familie in Syrien?

Ja, natürlich. Ich habe Brüder und Schwestern in Syrien. Außerdem leben viele Cousins, Neffen und Nichten dort. Aber den Präsidenten habe ich nur ein einziges Mal im Jahr 1994 getroffen.

Ist die politische Protestbewegung in Syrien mit den Aufständen in Ägypten oder Tunesien vergleichbar?

Ja, sie ist sehr ähnlich. Viele Menschen im Mittleren Osten haben genug von den jahrelangen Diktaturen. Sie wenden sich gegen die Korruption und protestieren gegen die schwierige wirtschaftlichen Verhältnisse. Und sie möchten endlich in Freiheit leben. Zur Zeit realisieren auch die Menschen in Syrien, dass sie nicht länger isoliert sind, dass sie in ihrem Bestreben nicht allein sind. Wenn das Verlangen nach Freiheit einmal geweckt wurde, ist es nicht mehr zu stoppen.

Die Menschen haben friedvoll in den Straßen von Daraa demonstriert, doch das Regime antwortet mit Gewalt. Warum ist eine friedliche Revolution in Ägypten und Tunesien geglückt, aber nicht in Syrien?

Syrien ist ein besonderer Fall. Erst einmal war das tunesische Regime milder als das syrische und die wirtschaftliche Situation ist um einiges besser. Außerdem sind die Tunesier untereinander sehr gut vernetzt, sie hatten Internet und Fernsehen, lange bevor es in Syrien Satelitenfernsehen gab. Die Tunesier wussten, dass es nur ein kleiner Schritt war, um ihr Regime zu stürzen. Sie waren die ganze Zeit nahe dran. In Ägypten war die Situation ähnlich. Die Menschen sind bereits seit Jahren auf die Straße gegangen, die Revolution kam nicht über Nacht.

In Syrien gibt es noch immer Stimmen, die sagen, Präsident al-Assad könnte das Land in eine Demokratie führen. Glauben Sie noch an die guten Absichten des Präsidenten?

Meiner Meinung nach, sind seine guten Absichten nicht entscheidend. Er kann einfach nicht so dumm sein, sein eigenes Volk umzubringen. Das ist unmöglich.

Aber in Syrien nimmt die Gewalt zu. Menschen werden umgebracht.

Ja, aber dafür sind die Entscheidungsträger im Umfeld des Präsidenten verantwortlich. Sie wollen nicht, dass es zu politischen Veränderungen im Land kommt. Ich spreche von seinen Cousins, seinen Familienmitgliedern. Al-Assad wurde nicht zum Präsidenten gewählt, er war nicht einmal als Nachfolger seines Vaters vorgesehen. Er ist zufällig an die Macht gekommen. Sein Bruder sollte das Erbe antreten, doch er verstarb unerwartet und die Menschen im Hintergrund machten Bashar zum Präsidenten nach ihren Vorstellungen.

Wer sind diese Menschen im Hintergrund?

Es ist eine ganze Gruppe von Menschen. Dazu zählt zum Beispiel ein Cousin des Präsidenten, Rami Makhlouf. Er besitzt SyriaTel, den wichtigsten Mobilfunkanbieter im Land. Er kontrolliert praktisch die gesamte Wirtschaft. Sein Bruder Hafiz Makhlouf ist Leiter der Geheimpolizei und tut alles dafür, dass die Interessen der Familie nicht gefährdet werden. Ein weiterer Cousin, Atif Najib, der die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in der syrischen Stadt Daraa zu verantworten hat, ist General. Diese Menschen haben viel Unheil angerichtet.

Kann sich das syrische Volk mit seinem friedlichen Protest gegen diesen engen Kreis von Verantwortlichen in Politik, Militär und Wirtschaft durchsetzen?

Das syrische Regime versucht, das Land in einen Glaubenskrieg zu steuern. Sie wollen, dass die Gewalt im Land eskaliert und jeder gegen jeden kämpft. Dieses Ablenkungsmanöver soll das Regime aus der Schusslinie holen und verhindern, dass sich alle Parteien und alle Religionen im Land gegen das Regime wenden. Unglücklicherweise war das Regime in seinem Bemühungen in der Vergangenheit sehr erfolgreich. Viele arabische Medien im Mittleren Osten sind in die Falle getappt und berichten von einem Glaubenskrieg, in dem die Minderheit der Aleviten Kotrolle über die Sunniten, Schiiten oder Christen ausüben will.

Was denkt die Internationale Gemeinschaft über Syrien?

Das Regime versucht nicht nur das eigene Volk zu täuschen, sondern auch das Ausland. Der Geheimdienst im Land kontrolliert viele islamistische Gruppen. Sie benutzen sie, um der USA weiszumachen, dass sie den Terrorismus bekämpfen. Sie brachten beispielsweise 20 islamistische Anhänger dazu, einen TV-Sender zu attackieren, der von 400 Soldaten bewacht wurde. Die Terrorristen wurden alle getötet und das Regime konnte seine Anstrengungen im Kampf gegen den Terror vortäuschen.

Glauben Sie, dass eine militärische Intervention des Westens gegen einzelne Verantwortliche eine Option darstellt?

Nein, das wäre ein Desaster. Wenn das Ausland in den Konflikt gewaltsam eingreift, würden viele Menschen sterben. Das Regime würde dadurch nur gestärkt und viele andere Staaten würden an dem Krieg beteiligt. In Iran, Libanon, im Gazastreifen würde es explodieren. Und auch im Irak würde sich die Lage noch einmal verschärfen. Das ist genau das, worauf das Regime in Syrien spekuliert.

Wie soll sich die Internationale Gemeinschaft in dieser Angelegenheit verhalten? Sind Sanktionen eine Lösung?

Ja. Sanktionen gegen Verantwortliche, wie beispielsweise gegen Rami Makhlouf schwächen das Regime entscheidend. Ihr Vermögen wird dann plötzlich wertlos. Und Präsident Bashar muss sich dann von kurz oder lang von ihnen abwenden.