Kraftwerk Bauernhof

Auf dem Land haben regenerative Energien Hochkonjunktur, nicht erst seit Angela Merkels Energiewende. Die Technik macht Bauernhöfe zu kleinen Versorgungseinheiten und Städte bald unabhängig von großen Stromanbietern. Ein Besuch beim Energiebauern. Von Felix Meschede.

Winfried Dahlhaus schreitet zügig durch das noch taufeuchte Gras. Hinter der Scheune steht seine Erfindung, eine intelligente Solaranlage. Dahlhaus hat sie selber entworfen und in nächtlicher Fleißarbeit in seiner Werkstatt geschweißt. „Alles aus Schrott“, sagt Dahlhaus und steckt die Hände in die Taschen seines beigen Overalls, „das ist viel billiger und macht ökologisch auch mehr Sinn.“

Ruckartig beginnt sich die stählerne Anlage im Uhrzeigersinn zu drehen, wie ein quietschendes Karussell. Dann hält sie an. Auf der kreisrunden Plattform ist eine haushohe Wand aus Solarmodulen installiert, die sich alle paar Minuten mit der Sonne dreht. Die blauglänzende Fläche neigt sich je nach Sonnenstand, so dass das Licht immer senkrecht auf die Technik trifft. Acht weitere Anlagen stehen auf dem Hof, drei davon drehbar. „Insgesamt produziere ich eine Strommenge von 220.000 Kilowattstunden im Jahr“, rechnet der Westfale vor. Das entspricht der Energiemenge von etwa 45 Haushalten.

Doch der Sonnenenergieproduzent ist in erster Linie Landwirt. 700 Schweine und 50 Bullen stehen in den Ställen. „Die Tiere machen die meiste Arbeit“, sagt der Westfale und schwingt sich auf das elektrische Golfcart, das in der Garage parkt. Lautlos beginnt die Fahrt über die Felder.

Hinter einem kleinen Hofteich liegen Wiesen und Äcker, getrennt durch kleine Wallhecken und Feldwege. Gestern hat Dahlhaus Erbsen ausgesät, zur Fütterung der Tiere. Jetzt schaut er, ob die Saat den nächtlichen Regen unbeschadet überstanden hat. „Für solche Arbeiten ist das Elektrofahrzeug völlig ausreichend“, sagt Dahlhaus, während er durch die schmale Brille einen prüfenden Blick auf die Akkuanzeige wirft, „zumal ich den Wagen an der Steckdose mit meinem eigenen Strom betanke.“

Der Münsterländer produziert etwa viermal soviel Strom, wie er für den eigenen Betrieb benötigt. Ungenutzten Strom speist er ins Netz der Stadtwerke Münster ein. „Das bringt einen knappen fünfstelligen Betrag pro Monat“, überschlägt Dahlhaus die Rechnung, während er das Fahrzeug zurück auf den Hof lenkt. Die Einspeisung wurde durch das „Gesetz für den Vorrang erneuerbarer Energien“ (EEG) ermöglicht, das im März 2000 von der rot-grünen Bundesregierung verabschiedet wurde. Private Stromanbieter erhalten seitdem einen auf 20 Jahre festgelegten Preis. Derzeit liegt die Vergütung bei ungefähr 30 Cent pro Kilowattstunde, abhängig von der Größe der Anlage. Was Anfangs als Spielerei belacht wurde ist nun Geschäft. Die Erlöse aus der Solarenergie sind für Landwirte wie Dahlhaus zur wichtigen Einnahmequelle geworden. Und sie haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Preisen für Masttiere: „Sie sind stabil.“

Neben dem Bullenstall befindet sich die Werkstatt. An der Wand hängen Schraubenschlüssel in allen Größen und in den Regalen lagern alte Eisen, die auf ihre Wiederverwertung warten. Die meisten Maschinen werden durch Akkus betrieben. So speichert Dahlhaus die Kraft der Sonne. „Ich achte darauf, dass die großen Maschinen tagsüber laufen, wenn ich auch die meiste Energie produziere“, sagt Dahlhaus. An einem schönen Sonnentag mahlen dann die Rapsmühlen bis zur Dunkelheit. Nach Sonnenuntergang hat die Waschmaschine Pause. „Wirtschaftlich habe ich daraus einen Nachteil“, gibt er zu. Im Einkauf kostet die Kilowattstunde Ökostrom etwa 20 Cent bei den Stadtwerken, 10 Cent weniger, als der Verkaufspreis seines Sonnenstroms. Doch Dahlhaus geht es nicht um die reine Marktlehre, die Autarkie seines Bauernhofs ist ihm wichtiger.

Als der gelernte Landwirt vor über zehn Jahren anfing die Sonne als Energiequelle anzuzapfen, beobachtete ihn die Familie noch mit westfälischer Skepsis. Sein Vater hatte den Hof aufgebaut. Mitte des letzten Jahrhunderts war der Betrieb auf die Fleischproduktion spezialisiert. Zu Hochzeiten standen 1.300 Mastschweine und 180 Bullen in den Ställen. „Eine sehr ressourcenintensive Bewirtschaftung“, wie der Sohn heute sagt. Nun entwickelt der Hoferbe neue Erlösmodelle, denn der Strukturwandel zwingt Bauernhöfe in der ganzen Republik zum Umdenken. In einem ausgebauten Stall ist eine Kita eingezogen, andere Ställe sind als Stellflächen für Unternehmer vermietet, dazu kommt das Geschäft mit den regenerativen Energien. „Mittlerweile ist auch mein Vater von meinen Entscheidungen überzeugt“, sagt Dahlhaus, „er unterstützt mich bei meinen Ideen.“

Und Ideen hat Dahlhaus genug. „An dieser Stelle will ich ein Windrad errichten“, sagt er und zeigt auf einen schmalen Grünstreifen zwischen Scheune und Feldweg. Doch noch liegen die langen Metallflügel im hohen Gras. Obwohl der Verkehr auf der A1 ein paar hundert Meter vom Hof entfernt die ländliche Ruhe stört, fürchten die Behörden die unzumutbare Geräuschemission einer Windkraftanlage. Dahlhaus fährt sich mit der Hand durchs kurze Haar : „Das verstehe wer will.“

Doch der Wille der Stadtväter könnte das Genehmigungsverfahren jetzt beschleunigen. In einem Beschluss hat Münster vor wenigen Wochen den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen. Die Stadtwerke haben nun ein Konzept vorgestellt, dass die vollständige Stromversorgung durch alternative Energien sichert.


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