Noch immer fremd im eigenen Land

Sefa wurde als Sohn türkischer Einwanderer in Berlin geboren. Zu Hause fühlt er sich nirgends, weder in Deutschland noch im Herkunftsland seiner Eltern. Erfahrungen aus der dritten Einwanderergeneration. Von Alina Stiegler und Felix Meschede

Männer aus drei Generationen sitzen an einem großen Tisch. Sie trinken schwarzen Tee mit viel Zucker aus kleinen Gläsern. Auf dem Tisch steht eine Blechdose mit Keksen. Der 20-jährige Sefa ist heute zum ersten Mal Gast in der türkischen Männerrunde des Berliner Vereins „Aufbruch Neukölln“. Mal auf Deutsch, mal auf Türkisch diskutieren die Männer über die doppelte Staatsbürgerschaft für Migranten.

Sefa ist Deutscher, aber auch Türke. Als Sohn türkischer Einwanderer wurde er in Berlin geboren. „In Deutschland bin ich bloß der Türke und in der Türkei bin ich der Deutsche“, sagt der junge Mann mit den zurückgekämmten Haaren: „Versuch‘ das mal zu ändern.“ Wie ihm geht es vielen Kindern der dr

itten Einwanderergeneration. Die Heimat ihrer Eltern und Großeltern kennen sie nur aus dem Urlaub. Trotzdem werden sie von der deutschen Gesellschaft als Ausländer wahrgenommen.

Gesprächsangebote für Männer

„Meine Eltern haben viele Vorstellungen“, beginnt Sefa die Diskussion, „aber alle ihre Wünsche zu erfüllen, ist einfach unmöglich.“ Die älteren Männer in der Runde nicken bedächtig. Organisiert wird die wöchentliche Männergruppe vom Psychologen Kazim Erdogan. „Vor allem für männliche Migranten gibt es kaum psychologischen Gesprächsangebote“, sagt Erdogan: „Sie werden in der Gesellschaft oft vergessen.“

In der Runde können die Teilnehmer jeden Montag über Herausforderungen in Gesellschaft und Familie reden. Den Erwartungen der Eltern nachzukommen, ohne dabei das eigene Glück aus den Augen zu verlieren, ist eine große Herausforderung für Sefa: „Meine Mutter wünscht sich, dass ich ein Mädchen aus der Türkei heirate. Ich möchte aber selber entscheiden, mit wem ich zusammen bin.“ Ein junger Mann pflichtet ihm bei: „Was die Jugendlichen zu Hause lernen, ist völlig anders, als das, was sie in der Gesellschaft erfahren.“ Den Eltern sei das Leben in der europäischen Großstadt noch immer fremd.

Der Psychologe kann die Zweifel und Unsicherheit junger Deutschtürken gut verstehen: „Diese jungen Menschen haben keine Identität. Sie tragen jeden Tag drei Masken.“ Wenn sie morgens zur Schule gingen, seien sie deutsch, mittags in der Moschee muslimisch und abends zu Hause bei ihren Eltern seien sie schließlich anatolisch. „Viele von ihnen haben keine wirkliche Heimat.“

Er darf seinen Doppelpass behalten

Die juristische Auseinandersetzung mit der Frage der doppelten Staatsbürgerschaft ist mindestens so kompliziert wie die psychologische Betrachtung. Sefa hat den deutschen Pass vor dem Jahr 2000 erhalten. Nach der aktuellen Gesetzeslage darf er beide Staatsangehörigkeiten behalten. Doch viele seiner Freunde, die den Doppelpass erst später erhielten, stehen nun vor einem Problem. Sie müssen sich spätestens bis zum 23. Lebensjahr für eine der beiden Staatsangehörigkeiten entscheiden – Folge des Optionsmodells, das in der Regierung unter Gerhard Schröder (SPD) beschlossen wurde.

Es ist ein Balanceakt zwischen Vorurteilen und Anforderungen, den junge Deutschtürken meistern müssen. Weder von der deutschen Gesellschaft noch von der eigenen Familie fühlen sie sich verstanden. Dabei wollen sie nur ein ganz normales Leben in Berlin führen und eigene Familien gründen. „Wenn wir später Väter sind“, sagt Ayhan, „dann werden wir unseren Kindern mehr Freiheiten geben.“ Sefa nickt zustimmend.

Die starre Rollenverteilung zwischen Mutter und Vater, wie sie in vielen türkischen Familien gepflegt wird, sehen die Männer kritisch. „Was ist so schlimm daran, wenn die Frau arbeiten geht?“, fragt der 19-jährige Mohamed. Viele Männer würden sich in ihrer Ehre verletzt fühlen, erklärt Sefa, dabei spiele die Arbeitsteilung im Haushalt gar keine entscheidende Rolle.

Im Februar beschwor der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Düsseldorf vor rund 10.000 seiner Landsleute die Gefahren der Assimilation: „Keiner hat das Recht, uns von unserer Kultur und Identität zu trennen.“ Doch genau das fehlt Sefa von klein auf: eine eigene Identität.

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