Die Kunst, den Zweifel zu besiegen

Auf die Leinwand hat Ralf T. große Mauern mit blauer Acrylfarbe gemalt. Bausteine, die dicht beieinander stehen. Sie geben ihm Halt. Halt, den er im Leben vermisst. Der Himmel auf dem Bild schimmert grün. Ein blauer Himmel bereite ihm Angst, sagt er. Zufrieden steht er vor dem vollendeten Kunstwerk. Es trägt keinen Titel. „Grün ist zufällig meine Lieblingsfarbe“, bekennt Ralf T., „schön wäre, wenn der Himmel wirklich grün wäre.“

Doch der Himmel ist nicht grün. Ralf T. ist Patient der LWL-Klinik für Forensische Psychiatrie Dortmund. In der Klinik sitzen etwa 60 psychisch kranke Menschen ein. Das Gericht hat sie in den Maßregelvollzug eingewiesen. Es ist keine Haftstrafe, da die Täter aufgrund ihrer psychischen Erkrankung keine oder nur eine verminderte Schuldfähigkeit haben. Im Maßregel­vollzug arbeiten Therapeuten und Psychologen an ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Dabei kommt auch eine kreative Methode zum Einsatz, die streng genommen gar keinen therapeutischen Ansatz verfolgt: Das Offene Atelier.

Ralf T. ist 46 Jahre alt. Er trägt einen bequemen Kapuzen­pullover und blaue Jeans. Zielstrebig durchschreitet er in Begleitung seiner Therapeutin die Gänge der Anstalt. Sie sind unterwegs von Wohngruppe D zum Atelier am anderen Ende der Anlage. In den Ecken sind Hohlspiegel angebracht, damit jeder weiß, was einen hinter der nächsten Biegung erwartet. Ralf T. ist seit 2006 in der Klinik. Zuvor war er zehn Jahre in einer größeren Klinik im westfälischen Eickelborn unter­gebracht. Vor der Sicherheitstür muss er warten. Seine Therapeutin Andrea Radandt öffnet mit einem elektronischen Schlüssel die schwere Tür aus Glas. „Ich würde ihr gerne mal die Tür aufhalten, aber das geht hier drinnen nicht“, sagt er.

Zweimal wöchentlich besucht er mit seiner Therapeutin das Offene Atelier der Klink. Ein schwerer Werktisch befindet sich in der Mitte des Raumes. Pinsel stehen verkehrt herum in einem Gurkenglas. Daneben liegen Acrylfarben, Stifte und dickes Papier. An dünnen Nylonfäden hängen die Kunstwerke der anderen Patienten an den Wänden wie in einem richtigen Museum.

Zweckfreies Experimentieren

Die Teilnahme im Offenen Atelier ist keine Pflicht, es ist ein freiwilliges Angebot der Klinik. Etwa acht Patienten nehmen regelmäßig an den Sitzungen teil. Ohne Anweisung können sie sich im Atelier mit verschiedenen Farbmaterialien völlig zweckfrei ausprobieren. „Es geht im Wesentlichen um die Freude am Schaffen jenseits künstlerischer und vor allem therapeutischer Ansprüche“, erklärt Andrea Radandt das Konzept des Offenen Ateliers. Es ist ein bewertungsfreier Raum. In diesem Punkt unterscheidet das Atelier sich von der klassischen Kunsttherapie, bei der die anschließende Analyse des Bildes mit dem Patienten Teil der Therapie ist. Die klassische Kunsttherapie ist bereits seit Jahrzehnten in Kliniken etabliert. Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts forschte der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn auf diesem Gebiet. Er veröffentlichte 1922 das Standardwerk der Kunsttherapie: „Bildnerei der Geisteskranken“.

Seitdem erfreut sich die „Art Brut“ (französisch für „unver­bildete Kunst)“ wachsender Beliebtheit. Es gibt internationale Ausstellungen wie „Weltenwandler“ der „Schirn Kunsthalle Frankfurt“, die sich den Outsidern der Kunstszene widmen.

Auf Psychoanalyse wird im Offenen Atelier bewusst verzichtet. „Die Arbeit hier verfolgt keinen therapeutischen Ansatz“, sagt Andrea Radandt, „doch von ihr geht eine therapeutische Wirkung aus.“ Der Patient kann malen, wozu er Lust hat. „Die entstehenden Bilder haben einen Wert an sich, weil sie von jemandem gemalt wurden, der nie gedacht hatte, so etwas zu können.“ Die Kunst verspricht keine Heilung der Erkrankung, aber sie schafft dem Patienten ein stabiles Fundament von dem aus er sich mit seiner Persönlichkeit beschäftigen kann.

Das ist im Fall von Ralf T. auch nötig. Er leidet unter einer „generalisierten Angststörung“, einer besonderen Form von Persönlichkeitsstörung, die auf traumatische Erfahrungen in der Kindheit zurückzuführen ist. Seine Mutter ist alkoholkrank, sein Vater mit der Fremdenlegion in Afrika und Asien unterwegs. Mit neun Monaten stecken ihn die Behörden in ein Heim. Dort ist er körperlichen und seelischen Misshandlungen ausgesetzt. Er hat homo- und heterosexuelle Kontakte mit anderen Jugendlichen, auch mit Pflegern, die zunehmend gewalttätiger werden. Psychologen sprechen von einer sexuellen Deviation im Kindesalter, also einem abweichenden Sexualverhalten.

Seine Mutter holt ihn im Alter von acht Jahren überraschend nach Hause. Er kommt in eine zerbrochene Familie. Erwird geschlagen und missbraucht, lebt in ständiger Angst vor seinen Mitmenschen. Als seine Mutter versucht, sich an der Türklinke des Badezimmers zu erhängen, steht er plötzlich im Raum. Sie schaut ihn an. Er überlegt einen Augenblick, dann bindet er sie los. „Ich hatte Angst, dass sie mich bestraft, wenn sie nicht stirbt“, erinnert er sich.

Es hat etwa sechs Jahre gedauert, bis er anfing, mit seiner Therapeutin darüber zu reden. Die Angst, von ihr enttäuscht oder nicht verstanden zu werden, war zu groß. Immer suchte er das Negative in ihren Äußerungen, vermutete hinter jeder Bemerkung eine böse Absicht. Fachleute sprechen von einer „negativ zentrierten Weltsicht“. Menschen wie Ralf T. sind nicht in der Lage, soziale Beziehungen aufzubauen. „Es scheint,“, sagt seine Therapeutin, „als könne er nur zu den Menschen Vertrauen aufbauen, die seine diversen Tests überstehen, ohne ihn dafür zu verurteilen.“

Mit tiefen Zügen zieht Ralf T. an seiner selbstgedrehten Zigarette. Es gebe da so eine Art Schlüsselerlebnis während seiner Zeit in Eickelborn. „Ich hatte neben Frau Radandt noch eine zweite Therapeutin. Bei ihr war ich mir ziemlich sicher, dass sie mich nicht leiden konnte.“ Dieses Misstrauen wächst mit den Jahren. Als der Zweifel zu sehr an ihm nagt, fragt er Andrea Radandt, ob an seinem Verdacht etwas dran sei. Sie rät ihm, das Problem mit ihr persönlich zu besprechen. „Ich habe meinen ganzen Mut zusammen genommen und habe sie gefragt“, erinnert er sich.. „Wenn da etwas dran wäre“, antwortet sie ihm, „dann würde ich nicht mit ihnen arbeiten“. Ralf S. ist erleichtert.

Aus Angst wird Aggression

Als er sich nach einem zweiten Heimaufenthalt dazu entschließt, zurück zu seiner Mutter zu gehen, scheitert er erneut. Es kommt zu seinem ersten schweren Delikt: Totschlag. Über die genauen Umstände der Tat will er nicht öffentlich reden. Das Misstrauen und die ständigen Zweifel haben ihn an den Rand der Verzweiflung getrieben. Im Knast stabilisiert er sich ein Stück. Das Gefühl der Haltlosigkeit lässt langsam nach. Die starren Regeln des Strafvollzugs, die hohen Mauern, sie scheinen ihm Sicherheit zu geben. Als er aus dem Gefängnis kommt, fängt er wieder an zu trinken. Er nimmt härtere Drogen und verfällt schließlich in Angst­zustände. Die Angst entlädt sich wieder in Aggression. Er macht schließlich seinen zweiten entscheidenden Fehler und wird wegen einer versuchten Vergewaltigung in den Maß­regelvollzug eingewiesen.

Der Zusammenhang zwischen früheren Opfern sexueller Gewalt und späterer Täterschaft ist durch verschiedene Studien belegt. Eine Befragung in mehreren europäischen Ländern hat ergeben, dass etwa 12 bis 35 Prozent der Sexualstraftäter im Kindesalter selbst sexuell missbraucht wurden. Sexueller Missbrauch in der Familie erhöht für die Opfer das Risiko, später selbst zum Täter zu werden. Die frühe Ohnmacht mündet nicht selten in einem gestörten Verhalten im Bezug auf sexuelle Macht.

Um Macht und Ohnmacht geht es deshalb auch in den Bildern von Ralf T.. Sie sind farbenfroh und figurenbestimmt, die Symbole sind klar und präzise gemalt, die Formen fein. Was sich nicht in Worte fassen lässt, kommt auf der Leinwand zum Ausdruck. Angst, Schmerz, Verlangen, Sadismus, aber auch der Wunsch nach Geborgenheit, das sind die Themen seiner Malerei. Im Atelier hängt ein Bild von ihm, auf dem eine Frau abgebildet ist. Ihr Körper erinnert an eine Vase, die zerbrochen ist und die jemand wieder zusammengesetzt hat. Ihre Arme sind gekreuzt, eine Brust lässt ihre Weiblichkeit erahnen. Sie hat einen viel zu kleinen Kopf mit einem unschuldigen Gesicht. Ein zweites Gesicht mit leeren Augen hängt wie eine Maske daneben. Aus dem Dunkel ragt eine muskulöse Hand und greift der Frau unter den pinkfarbenen Rock. Doch die Berührung scheint nicht gewaltsam, eher zärtlich, als suche jemand Schutz. Am Arm hängt eine abgerissene Eisenschelle, an einem Fels baumelt der Rest der Kette. Im Schatten ist ein drittes Gesicht erkennbar. „Das bin wohl ich“, sagt Ralf T..

Ausdruck und Reflektion der eigenen seelischen Befindlich­keit bilden den Kern der Psychotherapie. Aber nicht über alles kann Ralf T. reden. Oft wird eine Reflektion auch erst durch den kreativen Prozess mit seiner Kunst initiiert. „Manchmal fange ich an zu malen, ohne dass ich weiß, was ich eigentlich malen will.“ Erst in der Entstehung eines Bildes werde er sich dann seiner Sehnsüchte bewusst. „Die Kunst ist für mich eine Art Ventil“, sagt er, „ich kann in meinen Bildern Energie ablassen, die sich in mir anstaut.“ Doch nicht nur das. Außenstehende werden auf ihn aufmerksam und schauen bei seinen Bildern genauer hin, interessieren sich für ihn. Ralf T. wird wahrgenommen, empfindet Anerkennung, als Künstler, als Mensch, nicht als Täter.

Der Künstler therapiert sich selbst

Im Hygiene-Museum in Dresden hängt seit sieben Jahren ein Bild von ihm. Ralf T. hat es dort nicht hängen sehen. Das sei aber auch nicht so wichtig. Er müsse sich jetzt nicht da hinstellen und jedem sagen: „Schaut her, das hab ich gemalt.“ Er gestikuliert mit den Armen, schauspielert, sichtlich amüsiert, wie jeder Künstler ist er auch ein wenig stolz. Vor ein paar Wochen hat er Kontakt zum Museum aufgenommen, weil er das Bild zurück haben wollte. Zum Tausch hat er ihnen das Bild mit der Frau angeboten, doch aus Dresden kam eine enttäuschende Antwort. „Zu problematisch“. Das hat ihn geärgert.

Die Absage hat ihn nicht zerbrochen. Er hat sich nicht beirren und von seinem großen Ziel abbringen lassen. Irgendwann will er wieder raus aus dem Maßregelvollzug. Ein betreutes Wohnheim mit anderen Patienten, das wäre sein Ziel. Doch darüber entscheidet nicht er. Mehrere psychologische Gutachten müssen bestätigen, dass Ralf T. nicht mehr gefährlich ist. Das kann sehr lange dauern. Im Zweifel bleibt er ein Leben lang hinter Gittern.

Den ersten Schritt hat Ralf T. geschafft. In Begleitung seiner Therapeutin darf er die Klinik hin und wieder für wenige Stunden verlassen. „Wir gehen dann in den Supermarkt, kaufen Zigaretten oder Kleidung“, sagt er. Meistens ist er froh, wenn er abends zurück hinter seinen schützenden Mauern ist.


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