Ein Tunnel für Mexiko-Stadt

Mexiko-Stadt sackt ab, seine Kanalisation verliert an Gefälle. Um große Regenmengen hinter die Berge ableiten zu können, bauen Ingenieure in mehr als 150 Metern Tiefe einen 62 Kilometer langen Tunnel. Eine gewaltige Herausforderung.

Mexiko-Stadt – Das rhythmische Klopfen der Maschinen hallt durch den engen, kreisrunden Tunnel. Der Boden ist nass und rutschig. An den Wänden sind Kabelschläuche installiert, die Maschinen mit Strom und Wasser versorgen.

Unter Mexiko-Stadt läuft eines der ambitioniertesten Bauprojekte. Die Stadt braucht ein neues Kanalisationssystem. Seit zwei Jahren arbeitet ein internationales Team von Ingenieuren an einem gigantischen Tunnel, der die 20 Millionen Einwohner vor Hochwasser schützen soll. Mit dabei ist auch ein Unternehmen aus Deutschland.

Mario Arturo Nocedar Maldonado ist der Projektleiter auf der Baustelle. In Jeansjacke und mit weißem Schutzhelm inspiziert der Mexikaner an diesem Vormittag die Bohrungen im Abschnitt fünf. Er betreut das Projekt seit Anbeginn und strahlt in der ungewohnten Umgebung eine beruhigende Sicherheit aus.

Von Bergen umstellt

„Der Tunnel Emisor Oriente (TEO) ist einer der längsten Tunnel der Welt“, erklärt er stolz. „Die Kanalisation ist etwa 62 Kilometer lang und wird über 150 Kubikmeter Wasser in der Sekunde befördern.“ Mexikos neue Kanalisation soll verhindern, dass die Hauptstadt eines Tages vor allem in der Regenzeit in ihrem eigenen Abwasser untergeht.

Die Metropole steht auf einem trockengelegten See. Die Stadt sackt auf dem sandigen Fundament ab, erklärt Nocedar Maldonado, während er im Vorbeigehen die Nahtstellen der einzelnen Tunnelelemente prüft. „Damit verliert die Kanalisation im Untergrund kontinuierlich an Gefälle.“

Da die Megastadt von hohen Bergen umstellt ist, müssen die Abwässer mit viel Aufwand aus der Stadt gepumpt werden. „Das alte Kanalsystem kommt langsam an seine Grenzen“, resümiert der Ingenieur mit besorgtem Blick. Studien der Universität von Mexiko-Stadt warnen seit Jahren vor der Hochwassergefahr.

Der geplante Tunnel Emisor Oriente führt in bis zu 150 Meter Tiefe unter der Stadt und den Bergen im Norden hindurch. Im tiefer gelegenen Bundesstaat Hidalgo soll er die Abwässer einmal zutage fördern. Dort wird das verdreckte Wasser in einer Kläranlage aufbereitet und soll der Landwirtschaft zur Bewässerung dienen. Die Bauern im Ort Atotonilco de Tula sind aber noch skeptisch.

Es ist ein ebenso gewaltiges wie notwendiges Projekt, das die Nationale Kommission für Wasser (Conagua) vor drei Jahren in Auftrag gegeben hat. Umgerechnet etwa eine Milliarde Euro wurden für den Bau veranschlagt.

Hilfe aus Deutschland

Das Brummen wird lauter. Hinter einer Kurve liegt das Ende des Tunnels. Eine fast hundert Meter lange Maschine frisst sich durch den kalkig-sandigen Untergrund. Während 26 Hydraulikstempel den stählernen Riesen unaufhaltsam vorwärts drücken, trägt der Bohrkopf mit einem Durchmesser von knapp neun Metern das Material ab. Eine Baggerschnecke räumt den Abraum beiseite, bevor das Material durch Rohre nach draußen gepumpt wird. „Tunnelvortriebstechnik“ ist auf einem Messingschild zu lesen. Die Maschine stammt aus dem Werk der Firma Herrenknecht aus Baden-Württemberg.

Einer der verantwortlichen Ingenieure aus Deutschland steht am Kontrollpult der Anlage. Die Firma hat ihn vor zwei Wochen nach Mexiko geschickt. „Wenn die Maschine 1,5 Meter zurückgelegt hat, beginnen wir unmittelbar mit der Verkleidung der Tunnelwand“, ruft der Schwabe gegen den hämmernden Lärm des Bohrkopfes an. „Ein Kran platziert die Segmente mit einem Vakuumgreifarm an den Außenwänden.“ Arbeiter sichern die Elemente dann mit langen Schrauben. Derzeit legen sie 13 Ringe am Tag zurück, das sind knapp 20 Meter.

Insgesamt drei Maschinen hat die Firma aus Schwanau per Schiff geliefert, drei weitere stammen aus Nordamerika. In sechs großen Eingangsschächten wurden die Geräte tief im Untergrund der mexikanischen Hauptstadt montiert, 18 weitere Zugänge ermöglichen eine Versorgung mit Strom, Wasser und Frischluft im Tunnel.

„Der neue Tunnel garantiert den Menschen in Mexiko- Stadt Sicherheit“, sagt Nocedar Maldonado. Im September 2012 soll der Túnel Emisor Oriente endlich in Betrieb genommen werden. Bis dahin müssen Nocedar Maldonado und sein Team noch viele Kilometer zurücklegen.

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